„Es werde Nacht!“ oder über die Lichtverschmutzung in Leipzig

Juni 23, 2010 · Abgelegt unter Allgemein, Lichtverschmutzung, Umwelt, WV-Leipzig 

Ein Kommentar von Bert Sander

Es ist ja nicht so, dass allein die Nachtfluggenehmigung für den Leipzig/Halle Airport tausende Leipziger Bürger um den Schlaf bringt, nein, die Zerstörung der Nacht wird zudem durch eine regelrechte Lichtglocke befördert, unter der die Stadt wie in einen Nebel aus Licht getaucht erscheint. Lichtverschmutzung [engl. Light Pollution] bezeichnet die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen, deren Licht in der Atmosphäre gestreut wird.

In der Nacht leuchten schon lange keine Sterne mehr am Firmament, dafür aber um so mehr Straßenlaternen, Scheinwerfer, Diskolaser und jede Menge anderer Unfug, der meint selbst in der Nacht allseits und für jedermann sichtbar bleiben zu müssen. Die künstliche Aufhellung der Nacht hat allerdings erhebliche Auswirkungen auf „alles was kreucht und fleucht“. Seit der Erfindung des elektrischen Lichts im späten 19. Jahrhundert hat sich der Tagesrhythmus von Mensch, Tiere und Pflanze beträchtlich verschoben. Die technische Möglichkeit, die Nacht zum Tag machen zu können, hat aber nicht nur Auswirkungen auf die effektive Organisation der Arbeitswelt, sondern sie verschuldet auch gesundheitliche Folgen für den Menschen, die von Schlafstörung bis hin zu erhöhter Krebsgefahr vor allem aufgrund einer sogenannten Melatonin-Suppression (Melatonin wird vom Körper nur bei hinreichender Dunkelheit während der Nachtstunden produziert und ist wichtig für die Zellregeneration des Körpers) reichen können.

Und nicht zuletzt weist der Lichtsmog auf das Problem der gigantischen Energieverschwendung vor allem in den Großstädten hin. Es gibt beeindruckende Untersuchungen, die belegen, das man jährlich etwa fünf Millionen Tonnen Kohlendioxid oder aber die Leistung von zwei Atomreaktoren (1400 MW) europaweit einsparen könnte, allein durch die Verhinderung von nach oben gerichteter Lichtemission, die durch Beleuchtung des öffentlichen Stadtraum auftritt (Stichwort: Kugellampen). Dabei sind in diesen Studien noch nicht einmal die Aufwendungen für die Beleuchtung des privaten Raums enthalten. Kurz, das Einsparungspotential ist auf diesem Feld gewaltig, aber „gewaltig“ bedeutet nicht automatisch, dass es auch furchtbar schwer sein muss, diesen Acker fruchtbringend zu bestellen.

Ein kleines Beispiel: Der Funk- und Reklameturm am Löwencenter in Rückmarsdorf/Burghausen wurde seit Jahren die ganze Nacht über in gleißendes grelles, kaltes Licht gehüllt. Aufgrund der Intervention engagierter Bürger – auch Mitglieder unserer Fraktion waren beteiligt – behelligt das Licht ab 22.00 Uhr nicht mehr die Nacht. Von etwaigen Umsatzeinbußen des Löwencenters oder gar von einem Anstieg der Kriminalitätsrate aufgrund der Dunkelheit ist bislang nichts bekannt geworden. An vielen Orten unserer Stadt ließen sich gegen die Lichtverschmutzung ähnliche (zwar kleine, aber schnelle) Erfolge erzielen.

Sicher, die Lichtverschmutzung ist noch immer in der aktuellen Öffentlichkeit ein eher unterbelichtetes Thema – höchste Zeit also, ein deutliches aufklärerisches Signal zu setzen. Immerhin, Licht zählt mittlerweile zu den im Bundesimmissionsschutzgesetz (BImschG) erfassten Immissionen. Dort heißt es jedoch recht allgemein und unverbindlich, dass schädliche Umwelteinwirkungen dann vorliegen, wenn sie „[…] nach Art, Ausmaß oder Dauer geeignet sind, Gefahren, erhebliche Nachteile oder erhebliche Belästigungen für die Allgemeinheit oder die Nachbarschaft herbeizuführen“(§ 3 BImschG). Allerdings, verbindliche Grenzwerte zur Lichtimmission gibt es bislang nicht – und es wird sie nicht geben, solange nicht auf kommunal-politischer Ebene dieses Problem entschlossen in Angriff genommen wird.

Mit freundlichen Grüßen

ihr Stadtratsmitglied der WVL, Bert Sander