WVL pro Radio Blau

März 4, 2011 · Abgelegt unter Fluglärm, Haushalt, WV-Leipzig 

Auf der gestrigen Stadtratssitzung zur Verabschiedung des Haushaltsplans 2011 hielt unser Freund Bert Sander eine entflammende und enthusiastische Rede zur weiteren Förderung des Bürgerradios „Radio Blau“ und zeigte, was es heißt, sich mit Herzblut und Leidenschaft einem Thema zu widmen. Ausgehend von einem Antrag der Fraktion Die Linke gelang es dank der Mehrheit von 35 „Dafür“-Stimmen (27 Stadträte stimmten dagegen, 4 enthielten sich) 10.000 Euro aus dem Kulturetat zur Weiterfinanzierung des Radios bereitzustellen.

Es war eine Rede von der alle lernen können; war sie doch nicht, wie so oft von den Bürgermeistern bei der Beantwortung von Anfragen der Fall, einfach nur stupide und monoton vorgelesen. Gerade deshalb gelang es ihm vielleicht auch, die entsprechende Mehrheit für den Antrag zu gewinnen, ja zu begeistern.

Aber lesen und überzeugen Sie sich selbst:

Wir umpflegen in unserer Stadt nicht wenige hochsubventionierte Kultureinrichtungen, wir haben eine Oper, eine Musikalische Komödie, das Gewandhaus, das Centraltheater und zahlreiche weitere städtische Bühnen, wir haben allerdings nur ein freies Bürgerradio – und das auch nur noch mit Ach und Krach.
Radio Blau steht im Vergleich zu diesen honorigen Häusern nur am Rand, aber genau diese Position macht Radio Blau so unverzichtbar, Kultur nämlich gedeiht nicht nur im hohen, herausgehobenen Zentrum, sondern sie wächst doch immer auch von ihren Rändern her. Eine immer wieder vorgebrachte Kritik wirft dem Sender vor, dass er chaotisch, anarchistisch und einigermaßen dilettantisch daherkomme.

Aber genau das macht das Radio überhaupt erst erträglich. Bedeutet doch dagegen die sogenannte Professionalität oft nicht mehr als die gekonnte Kommerzialisierung bzw. Vermarktung von sonst- und irgendwas und vor allem Langeweile.

Sicher, bei Radio Blau sind eher keine Profis, sondern eben Amateure am Werk, die allerdings veranstalten in einer von Quote, vom musikalischen Mainstream bzw. von Modedeppen befreiten Zone hörenswertes Radio. Und außerdem, was bedeutet der Vorwurf des Dilettantismus denn?

In seiner ursprünglichen Bedeutung, bezeichnet der Ausdruck Dilettant nichts weiter als einen Nichtfachmann, der eine Kunst oder Wissenschaft oder was auch immer ohne schulmäßige Voraussetzung aus Leidenschaft, aus Liebhaberei betreibt. Und weil der Dilettant eben keiner Fachdisziplin verschrieben ist, ist er ein Disziplinloser. Diese Disziplinlosigkeit zeichnet „den Enthusiasten, den Liebhaber, den Amateur, sprich, den Dilettanten“ aus, sie bedeutet nicht gleich Anarchismus, diese Disziplinlosigkeit.

Und noch am Rande, gerade wir Stadträte, die wir ja in zahlreichen Fachbeiräten sitzen, sollten dem Dilettantismus gegenüber Wohlwollen zeigen, denn er ist auch uns zu einem nicht geringen Maße eigen. Erfolgreiche Politiker können überhaupt nicht anders als geradezu einem gehobenen Universaldilettantismus zu frönen.
Also gut, „Mut zum Dilettantismus“, denn der ist in vielerlei Hinsicht die Voraussetzung Kreativität und Produktivität.

Ich weiß ja, es steht mir nicht zu, aber nichtsdestoweniger, lassen sie es mich mal so sagen: Wenn ich entscheiden müsste, und noch einmal Hand aufs Herz, ich würde lieber einen der allzu vielen professionell aufdringlichen Frohsinnssender einsparen als Radio Blau, immerhin das letzte und einzige freie Bürgerradio der Stadt.„

Die 2. Rede von Bert Sander zur „Einsparung der Mittel für Infrastrukturprojekte Mitteldeutsche Flughafen AG“ lesen sie HIER (pdf-Dokument).