Schöne Wirtschaft

September 23, 2011 · Abgelegt unter Allgemein, Stadtentwicklung 

Ein Kommentar von Bert Sander, Stadtrat der Wählervereinigung Leipzig (WVL) e.V.

In dem Ende 2008 vom LOFFT Leipzig uraufgeführten Stück „Leipzig für Anfänger“ sind es ein Esel, ein Hund und eine Katze (der Hahn ist schon über dem Jordan gegangen), die von Bremen kommend in Leipzig Liebe, Job, Bleibe, kurz, ihr Auskommen suchen. Sie probieren sich als Künstler bei Porsche, als Straßenmusikanten und Utopie-Verkäufer in den einschlägigen Fußgängerzonen. Immer dabei ein Bürgerchor, der durch die Stadt führt, vom abwechslungsreichen Leben in der Stadt erzählt und dabei auch alle Klischees von Bach über Logistic-Cluster bis BMW bedient. In der Realität steckt hinter den „Anfängern“ oftmals junges Volk, das zwecks Ausbildung oder Studium in die Stadt einzieht …

Soweit so gut. Die Frage ist nur, was geschieht danach, was anfangen mit dem hier mühevoll erworbenen geisteswissenschaftlichen, kulturwissenschaftlichen, philosophischen Allgemeinwissen. Porsche? BMW? DHL? Weggehen? (Leider machen sich selbst im LOFFT-Stück Esel, Hund und Katze wieder aus dem Staub.) Oder doch bleiben? Im Refrain von „Leipzig für Anfänger“ heißt es: „Hier wird man zur Kreativität gezwungen.“ Und tatsächlich, Leipzig hat für die sogenannten Anfänger, Einzelkämpfer, die sogenannten „Freelancer“, also für die „Kreative Klasse“ einiges zu bieten: Die Anfang dieses Jahres vom Leibniz-Institut für Länderkunde vorgestellte sogenannte SWOT Analyse der Leipziger Kreativwirtschaft hebt hervor, dass der hiesige kreativwirtschaftliche Markt (hauptsächlich in Bereichen wie Design, Kunst, Malerei, Fashion, Film, Musik, Architektur und Fotografie etc.) in eine „ausdifferenzierte Wissens- und Bildungslandschaft eingebettet ist“. Deren Institutionen umfassen die Universität, Fachhochschule, mehrere außeruniversitäre Forschungszentren und verschiedene (Hoch-) Schulen für Musik, Kunst und Technologie. Darüber hinaus bietet Leipzig entscheidende äußere Bedingungen, die die Stadt als einen starken Standort für die Kreativwirtschaft geradezu prädestinieren: kostengünstige Räumlichkeiten, geringe Lebenshaltungskosten und eine vielfältige Kulturszene, die den Willen und die Fähigkeiten hat „selbst organisierte Ressourcen“ zu entwickeln, und vor allem findet man in Leipzig zahlreiche Brachen, Leerstand, unbesetzte Territorien – wo noch einigermaßen alternativ bzw. selbstbestimmt gehaust werden kann. Zusammengefasst, der Boden also ist bereitet.

Ob sich das Städtische Dezernat für Wirtschaft und Arbeit mit eigenen Ideen an der Förderung dieser jungen Szene beteiligen wird, ist allerdings die Frage, denn diese kleinen Wirtschaftseinheiten funktionieren anders als die großen Kracher wie DHL, Porsche und BMW etc. In der aktuellen „Analyse und Strategie der Clusterförderung“ vom 14. September 2011 formuliert das Amt unter den Stichwort „Medien & Kreativwirtschaft“ (Anhang III, Pkt. 4.2) Ziele wie: „Der Beteiligungsgrad (Revitalisierung von Akteuren), Zufriedenheitsgrad und Nutzen der am Clusterprozess beteiligten Akteure muss erhöht werden“, und die dementsprechende Handlungsempfehlung lautet dann wie folgt: „Aufstellung eines Clusterboards, in dem die Boardmitglieder die großen Teilbereiche innerhalb des Clusters repräsentieren.“ Wer so spricht, will nicht helfen, der will in Wahrheit nicht weiter behelligt werden. Ein „Strategiefocus: Revitalisierung, Fokussierung, innen- und außengerichtete Profilierung“ ist jedenfalls nicht hilfreich, sondern schlicht und einfach zum Weglaufen. Es bleibt überhaupt zu fragen, ob der doch sehr heterogenen Szene der Kreativwirtschaft mit einer Clusterbildung bzw. einer „Schaffung einer Dachmarke für das Cluster Medien & Kreativwirtschaft“ geholfen ist. Ein Begriff, sei er auch noch so monströs, bedeutet allerdings noch keine Idee.

Viele der kreativen Initiativen und Ideen scheinen mehr aus Liebhaberei denn aus dem Ziel schneller Profitmaximierung heraus geboren zu sein. Reich geworden ist auf diesem Feld jedenfalls noch niemand. Die Kreativen haben viel Energie darauf verwendet, sich „in kleinen und hochspezialisierte Nischen zu platzieren, was in Zukunft insofern zu Problemen führen kann, wenn es um die Erschließung neuer Vertriebswege geht“ (vgl. SWOT Analyse). Diesbezüglich erste Abhilfe könnte hier leisten, dass Leipzig seit 2010 zum Netz der „creative cities“ gehört. Auch die organisatorische und finanzielle Unterstützung von Auftritten der kreativen Manufakturisten etwa bei den Designerʼs Open oder bei der Leipziger Buchmesse, wo zusätzliche, überregionale Marktzugänge organisiert werden, wäre substantielle Hilfe zur Selbsthilfe.