Ernst Thälmann vs. Volkmarsdorfer Markt

Dezember 15, 2011 · Abgelegt unter Allgemein, Stadtentwicklung 

WVL-Stadtrat Bert Sander in der Ratsversammlung am 14.12. zum Tagesordnungspunkt Umbennenung des Ernst-Thälmann-Platzes in Volkmarsdorfer Markt:

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir betreiben keine Bilderstürmerei, mit unserem Antrag den Thälmann-Platz wieder in „Volkmarsdorfer Markt“ zurück zu benennen wird der Name „Thälmann“ keineswegs geschliffen, eine Gedenktafel soll auch künftig hin an seine Auftritte in Leipzig erinnern.

Ernst Thälmann ist durchaus als eine „tragische Person“ zu bezeichnen, zum einen war er ein glühender Anhänger des Stalinismus und zugleich ein Opfer desselben. Ingo Sasama hat bereits darauf hingewiesen, dass der bislang Stalin willfährige Thälmann eben auch auf ausdrücklichen Geheiß von Stalin hin seinen späteren Mördern überlassen wurde.

Aber bitte, was bedeutet der Generalvorwurf gegen Thälmann, ein Stalinist gewesen zu sein.

Geschichte betrachten wir heute allzu gerne bzw. leichtfertig von ihrem Ende her, wollen wir aber nicht der Selbstgerechtigkeit bzw. Selbstgefälligkeit verfallen, heißt, wollen wir historische Zusammenhänge tatsächlich verstehen, dann müssen wir uns schon der Mühe unterziehen, Geschichte auch von ihren Anfängen her zu verstehen. Worauf will ich hinaus? Darauf, dass es schon einen Unterschied macht, ob jemand in den zwanziger, dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts ein sogenannter Stalinist war oder etwa in den fünfziger, siebziger oder achtziger Jahren. Der bloße plakativ-propagandistische Vorwurf des Stalinismus gegen Thälmann ist – zugegebener Maßen – wenig erkenntnisfördernd, mit diesem Generalvorwurf betreibt man Geschichtsaufarbeitung mit nur grobem Geschirr, nämlich mit der Brechstange, er dient allenfalls zu einem Vehikel für Parteisoldaten bzw. Denkfaule.

Die Rückbenennung des Thälmann-Platzes in „Volkmarsdorfer Markt“ soll daher auch nicht über die historische Persönlichkeit Thälmann richten, sondern sie gilt vielmehr der späteren Rezeption, Vereinnahmung, ja Vergöttlichung von Thälmann, wie sie in der DDR zelebriert wurde. Die Apotheose von Thälmann zur Gallionsfigur der Arbeiterbewegung hat zu DDR-Zeiten immerhin dazu geführt, den Blick auf eine andere, kritische, marxistisch-kommunistische Tradition, die es ja auch gab, zu verstellen.

Die in der DDR betriebene Idealisierung von Thälmann lässt der Persönlichkeit Thälmann jedenfalls keine historische Gerechtigkeit widerfahren, sie überfordert ihn schlechthin – wie Ingo Sasama mit seinem Redebeitrag aufgezeigt hat.

Der tradierte und zum Teil auch der aktuellen Umgang mit der historischen Persönlichkeit Thälmann lehrt zumindest eines, nämlich das Thälmann auch heute noch nicht nur vor seinen Feinden, sondern eben auch vor seinen vermeintlichen Freunden zu schützen ist.

Und überhaupt: Eine wehrhafte und starke Demokratie zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie in der Lage ist, sich auch in der einen oder anderen Frage selbst in Frage zu stellen und zu korrigieren.