Coppi-Schule oder Bleichert-Schule? Nicht nur ein Namensstreit

Zum Sachstand: Das ehemalige Schulgebäude in der Breitenfelder Straße 17/19 in Gohlis, das bis 2007 die Hans-und-Hilde-Coppi-Schule beherbergte, wird seit 2011 aufwendig saniert und soll ab 1. August dieses Jahres der 68. Schule, die seit 1992 in einem Plattenbau in der Diderotstraße in Möckern untergebracht ist, zur Verfügung stehen. 2007 sprach sich die Leipziger Verwaltungsspitze dafür aus: »Die beiden Mittelschulen 68. Schule (Diderotstr.) und die Hans-und-Hilde-Coppi-Schule (Breitenfelder Str.) sollen zum Schuljahresbeginn 2007/2008 zusammengelegt werden.« Nach dem der Verwaltungsvorlage zustimmenden Stadtratsvotum nahm die 68. Schule die vier noch verbliebenden Klassen der Hans-und-Hilde-Coppi-Schule auf. Die Schulkonferenz der Coppi-Schule hatte die Zustimmung zur Zusammenlegung allerdings mit der ausdrücklichen Bitte verbunden, dass der Ehrenname »Hans-und-Hilde-Coppi« für die nunmehr neue Schule erhalten bleibt.

Im Januar dieses Jahres hat sich die Schulkonferenz der 68. Schule für den Namen »Bleichertschule« ausgesprochen. Im März reichte die Schulleitung den Antrag zur Namensgebung bei der Stadt ein. Der Stadtrat sollte über diesen Vorschlag am 10. Juli votieren. Dazu ist es jedoch nicht gekommen; die Verwaltung hat die Beschlussvorlage, nicht zuletzt auf Antrag der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen, zur nochmaligen Beratung zurückgestellt.

Warum dieser Hickhack? Üblicherweise nämlich folgt der Stadtrat dem demokratischen Votum der Schulkonferenz. Warum aber in dem uns vorliegenden Fall nicht unwidersprochen?

Zum einen: In der Schulkonferenz der 68. Schule stand – wie sich jüngst herausstellte – die von der Schulkonferenz der ehemaligen Coppi-Schule angestrebte Namensfortführung erst gar nicht zur Debatte. Wir wissen nicht bzw. wollen nicht darüber spekulieren, welche Motive die Schuldirektion der 68. umgetrieben haben, den Namen »Coppi« von vornherein nicht auf die Liste der möglichen Schulnamen zu setzen bzw. ihn von dieser zu streichen.

Zum anderen: Wie auch immer die Entscheidung der Schuldirektion / der Schulkonferenz gegen den Namen »Hilde-und-Hans-Coppi« zustande gekommen ist, sie ist – zumindest meiner Meinung nach –falsch. Geradezu plastisch wird die »Falschheit«, so man sich das folgende Szenarium mal vorstellt, nämlich die Schulkonferenz hätte zwischen Bleichert und Geschwister Scholl zu entscheiden – und entschiede sich für Bleichert. Um die Brisanz des vorliegenden Falles deutlich zu machen, fasse ich ihn mal auf eine – allerdings nur vermeintlich – paradoxe Weise zusammen: Eine Entscheidung für Coppi ist keine Entscheidung gegen Bleichert, aber eine Entscheidung für Bleichert ist eine Entscheidung gegen Coppi. Nur anscheinend haben wir es mit gleichberechtigten Namen der Geschichte zu tun. Hilde und Hans Coppi sind aber nicht einfach nur Namen, sondern sie sind Programm bzw. sie sind – hier tatsächlich mal im wahrsten Sinne des Wortes bzw. ohne falsches Pathos – moralische Verpflichtung. Um es ganz unmissverständlich zu sagen: Einen Namen wie »Hilde-und-Hans-Coppi« kann man schlechterdings nicht zurückweisen bzw. ablehnen; das Schicksal der beiden verpflichtet Generationen.

Und weiter: Wir verhandeln hier über mehr als nur über eine Namensgebung, in diesem Fall geht es grundsätzlicher zu; wir verhandeln hier über Erinnerungs- und Gedenkkultur überhaupt, also über Umgangsformen mit der/unserer Geschichte. Und vielleicht ist es in diesem Zusammenhang tatsächlich notwendig, einem besonders dämlichen Vorurteil bzw. Ressentiment zu begegnen: Eine Namensgebung »Hilde-und-Hans-Coppi-Schule« bedeutet keine Wiederkunft der DDR, sondern sie bedeutet ein Gedenken an antifaschistischen Widerstand, und zwar eines Widerstandes, der im Falle von Hilde und Hans Coppi auf einer Stufe mit z. B. dem der Geschwister Scholl steht. Und es geht heute im Falle von Hilde und Hans Coppi auch nicht darum, den Widerstand von kommunistischer Seite gegen das Nazi-Regime besonders herauszustreichen, sondern darum, den antifaschistischen Widerstand an (den tatsächlich leider viel zu wenigen) konkreten Personen bzw. Schicksalen wie etwa denen von Dietrich Bonhoeffer, Kardinal Graf von Galen, Georg Elser, Geschwister Scholl oder Oberst Graf von Stauffenberg festzumachen.

Kurz und deutlich, ich erachte die Entscheidung der Direktion der 68. Schule nicht nur für falsch, sondern darüber hinaus auch als herzlos.

Am Rande: Auch ein »Nein« gegenüber der Entscheidung der Schuldirektion / der Schulkonferenz vonseiten des Stadtrats, wäre kein undemokratischer, oktroyierender Akt, sondern immer noch ein demokratischer.

Bert Sander [WVL]

Bilder: Hilde und Hans Coppi – www.wikipeida.org

Am 12. September 1942 wurden Hilde und Hans Coppi verhaftet. Hans Coppi wurde am 19. Dezember 1942 zum Tod verurteilt. Drei Tage später wurde er erhängt. Hilde Coppi wurde am 20. Januar 1943 zum Tod verurteilt. Hans und Hildes Sohn Hans kam am 27. November 1942 im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße zur Welt. Ihre Hinrichtung wurde bis in den August aufgeschoben, damit sie ihr Kind stillen konnte. Am 5. August 1943 wurde Hilde Coppi enthauptet. Hilde Coppi beging in den Augen der Nazi-Richter bereits deswegen Hochverrat, weil sie u.a. den Moskauer Rundfunk abhörte. Dort übermittelten gelegentlich deutsche Kriegsgefangene Grüße an ihre Angehörigen in Deutschland. Hilde Coppi notierte sich deren Namen und Anschriften und teilte den Familien umgehend mit, dass ihre Söhne oder Männer noch lebten. Hilde Coppi wollte auf diese Weise auch die Nazi-Propaganda widerlegen, der zufolge »die Russen« grundsätzlich alle Kriegsgefangenen liquidierten.